Was ist der Mensch - Brief an Aliens.

Die Religionskurse der Einführungsphase haben sich im ersten Halbjahr unter anderem mit der Frage „Wer bin ich? Der Mensch zwischen Selbstbestimmung und Selbstverfehlung“ beschäftigt. Am Ende der Unterrichtsreihe haben Sie fiktive Briefe an Aliens geschrieben, um Ihnen die Spezies „Homo Sapiens“ zu erklären. Es folgt der Brief von Kristina Schmelz.

Sehr geehrter Empfänger,

mit dieser Nachricht, die vom Planeten Erde aus dem Sonnensystem in die Milchstraße gesendet wurde, möchten wir Menschen Ihnen erklären, wer wir und was wir sind.

Der Mensch ist ein hochkomplexes Wesen und seine Idee lässt sich in drei große Themen unterteilen: die naturwissenschaftliche Anthropologie, die philosophische Anthropologie und die theologische Anthropologie. Wir Menschen können keine allgemeine Definition zu der Idee des Menschen festlegen, da all die verschiedenen Anthropologien ihre Grenzen haben und so an bestimmten Aspekten mangeln.

Kommen wir zunächst zur naturwissenschaftlichen Anthropologie. Wir Menschen gehören biologisch gesehen zu den Säugetieren. Unsere Nachkommen werden ca. 9 Monate ausgetragen und im Anschluss gestillt. Nach der Evolutionstheorie sind wir eng verwandt mit den Affen, doch einige Wissenschaftler sind heute noch immer der Meinung, dass wir nur Affen sind, die weniger beharrt sind (z.B. Desmond Morris). Wir tragen den Namen Homo Sapiens und haben sehr ähnliche Triebe wie unsere Vorfahren. Zu diesen Trieben gehört der Aggressionstrieb, da wir immer versuchen, eine Rangordnung durch Machtkämpfe zu schaffen, der Sexualtrieb bzw. der Überlebenstrieb, da wir uns paaren, um unser Bestehen beizubehalten, auch unser vorsichtiges Verhalten gehört zu unserem Überlebenswillen und unser Gruppenverhalten, da wir Menschen immer Nähe zu anderen suchen.

Doch kommen wir nun zu den Unterschieden zwischen Menschen und Tieren. Der Mensch hat, wie bereits erwähnt, kein Fell. Auch der Knochenbau, die Sprache und die Intelligenz unterscheiden sich größtenteils vom Tier. Wir haben (meistens) mehr Verstand und leben in einem selbsterschaffenem Lebensraum unter technischem Fortschritt.

Weitere Unterschiede führen uns nun auch zur philosophischen Anthropologie. Zwei Personen, die unter den Namen Wolfhart Pannenberg und Arnold Gehlen bekannt sind, haben sich mit der fehlenden Spezialisierung der Menschen beschäftigt, die uns von Tieren unterscheidet. Gehlen bezeichnet den Menschen folglich als Mängelwesen. Unter Mängeln versteht man, dass ein Mensch nicht gut in die Umwelt angepasst ist, da wir z.B. kein Fell oder lange Krallen haben. Außerdem sind unsere Nachkommen sehr lange nicht fähig, alleine durch die Welt zu kommen. Wir haben auch sehr wenige Spezialisierungen, die uns das Leben erleichtern. Pannenberg deutet dies positiv als Weltoffenheit. Darunter versteht man, dass wir überall uns einen Lebensraum schaffen und immer neue Erfahrungen machen und uns körperlich und psychisch durch Training wandeln können. Des Weiteren basieren wir alles auf unsere Erlebnisse, über die wir eine Orientierung schaffen, die uns mit unseren Interessen und Bedürfnissen hilft.

Zur philosophischen Anthropologie gehört auch die Frage, ob wir Menschen von Natur aus böse oder gut sind. Jeder Mensch hat hierüber eine eigene Meinung, sieht man sich aber diese alle an, sieht man das der Mensch eine dunkle Seite, ein zweites Gesicht, in sich hat. Wir können nicht sagen, ob wir von Geburt an etwas Böses haben, doch im Laufe unseres Lebens gibt es Situationen, bei denen es sich meist um Konkurrenz, Misstrauen und Ruhmsucht handelt, durch die wir viele negative Auswirkungen schaffen. Und auch viel von diesem Handeln bereuen.

Thomas Hobbes hat sich mit diesem Thema beschäftigt und ist der Meinung, dass der Mensch von Natur aus böse sei. Er bezeichnet die bereits genannten Situationen als einen wölfischen Naturzustand, in dem ein Krieg von Allen gegen Alle geführt wird. Als Lösung für Frieden schlägt er die Schaffung eines Staates vor, der unter der Macht (am Besten) einer einzigen Person steht. Diese soll die ganze Macht übertragen bekommen und hingegen Schutz den sich Unterwerfenden gewährleisten.

Jean-Jacques Rousseau ist genau der anderen Meinung. Er stellt den Menschen von Natur aus gut dar, da er als Urzustand die Menschen als glücklich, gut, gesund und frei sieht. Der Mensch soll ein minimalistisches Leben ohne Kontakt zu Mitmenschen führen, da wir uns gegenseitig in das Böse führen würden. Da dies aber schon lange nicht mehr möglich sei, sollen die Menschen sich an diesen Urzustand erinnern, um Schlimmeres zu verhindern. Als Lösung schlägt er eine demokratische Republik vor, mit der ein Allgemeinwohl geschaffen werden könne.

Auch Paulus spricht von einer zweigeteilten Persönlichkeit und versteht unter der dunklen Seite einen sündhaften Zwang zum Bösen. Er sagt, obwohl er das Gute wolle, bringe er nur das Böse zustande (vgl. Römer 7,21). Dies führt uns zur theologischen Anthropologie.

Wilfried Härle hat sich in diesem Zusammenhang mit der Bestimmung des Menschen zu Gottes Ebenbild beschäftigt. Er behauptet, dass mit der Ebenbildlichkeit eine spezielle Beziehung des Menschen zu Gott als Gegenüber Gottes gemeint ist. Als Darstellung des Wesen Gottes, seien wir keinesfalls eine physische Abbildung Gottes, sondern geistbegabte, liebende Wesen. Andere verstehen unter der Ebenbildlichkeit die Beauftragung des Menschen als Stellvertreter Gottes auf Erden. Es zeigt sich, dass sich die Ebenbildlichkeit insgesamt auch nur sehr schwer definieren lässt. Auf jeden Fall lässt sich aber sagen, dass wir Menschen einen Herrschaftsauftrag von Gott bekommen haben und intellektuell sind. Wir haben die Fähigkeit, unser Leben mit unseren vielen Eigenschaften und unserem Handeln zu beeinflussen. Am wichtigsten ist meiner Meinung jedoch, dass wir lieben können (eine Fähigkeit, die wir von Gott erlangt haben) und zwischen gut und böse unterscheiden können.

Diese Ebenbildlichkeit ist ein gutes Schlagwort, welches uns nun zu dem biblischen, bzw. christlichen Menschenbild führt. Hiermit haben sich unter anderem Christian Frevel und Hans Meiner beschäftigt.

Christian Frevel stellt in einem von ihm verfassten Text deutlich dar, dass es seines Erachtens kein biblisches Menschenbild gibt bzw. sich dieses nicht eindeutig definieren lässt. Als Bibel bezeichnet man eine Schriftensammlung, die im Christentum und Judentum als heilige Schrift gilt. Das Christentum ist aus dem Judentum entstammen und hat die jüdische Bibel als Teil der christlichen Bibel übernommen. In der christlichen Bibel wird laut Frevel auf Grund ambivalenter Aussagen kein eindeutiges Bild des Menschen deutlich. Einerseits werden die Menschen sterblich genannt, andererseits hat ein Christ Hoffnung auf ein jenseitiges Leben. Ein weiterer Punkt ist, dass wir eigentlich zu guten geschaffen und fähig sind, aber trotzdem zur Sünde neigen. Außerdem wird erwähnt, dass der Mensch eine unantastbare Würde besitzt, aber trotzdem Niedrigkeit in seinem Leben erlebt und Elend zu spüren bekommt. Diese Gegensätzlichkeit zeige deutlich diese nicht festlegbare Definition und müsse im Kontext des Alten und Neuen Testaments Berücksichtigung finden, wobei diese zwei als Einheit gelten sollen und auch so betrachtet werden müssen.

Hans Meier hat auch seine Erkenntnis zum biblischen/christlichen Menschenbild verfasst. Er hat festgestellt, dass man trotz dieser Ambivalenzen von einem christlichen Menschenbild sprechen kann. Scheinbar gibt es einen spezifischen Blick, der biblisch-christlich ist und sich auf den Menschen richtet, da dieser in der Bibel mehrfach deutlich wird. Zunächst werden alle Menschen dargestellt, ganz egal wer sie sind. Es sind dabei alle Gesellschaftsgruppen vertreten. Ein besonderer Fokus wird insbesondere auf von der Gesellschaft „ausgestoßene“ Menschen gelegt, welche durch Krankheit oder Schuld nicht mehr den Idealen entsprechen. Dadurch wird die Realität gezeigt: Der Mensch ist nicht vollkommen und hat Fehler und Mängel. Trotz dieser Fehler werden wir Menschen von Gott angenommen und Jesus, Gottes Sohn, begegnet genau diesen Menschen mit Liebe und vergibt uns unsere Sünden.

Das Wort „Sünde“ bringt uns nun auch dazu, wie wir Menschen überhaupt dazu gekommen sind, Verstöße zu begehen. In Genesis 3,1-19 wird der sogenannte „Sündenfall“ oder auch die „Vertreibung aus dem Paradies“ erwähnt. In dieser Geschichte wird Adam, der erste Mensch, durch seine Frau, welche von einer Schlange verführt wird, dazu gebracht, von einer verbotenen Frucht zu essen. Gott bestraft Mensch und Schlange. Die Schlange lässt sich symbolisch deuten. Es gibt Meinungsverschiedenheiten darüber. Von einigen wird sie als Ursprung des Bösen gesehen und als Teufel gedeutet. Doch viele, darunter Wilfried Härle, sprechen gegen diese Deutung. Härle erwähnt, dass die Schlange als Geschöpf Gottes existiert und somit nicht der Teufel sein kann. Die Schlange soll, laut ihm, eher ein Symbol für das Bewusstwerden der Menschen für gefährliche Möglichkeiten und auch die innere Zerrissenheit des Menschen zeigen, da dieser von vielen Versuchungen gelockt wird und Gott in vielerlei Hinsicht misstraut. Fasst man dies zusammen, steht die Schlange für die schlechte Seite in uns, welche eine innere Versuchung in uns auslöst.

Durch diese Sündenfallgeschichte kommt es zu Schulzuweisungen und der Frage, wer eigentlich die Schuld trägt. Christiane Schlüter behauptet, dass es bei der Sündenfallgeschichte nicht darum geht, wer eigentlich Schuld an der Vertreibung ist, sondern darum, dass der Mensch schon immer schuldig ist, da dies davon kommt, dass der Mensch Wissen besitzt. Wir sündigen und tragen Schuld, da wir alle über unser Handeln nachdenken können und in Situationen geraten, bei denen wir schlechte Auswirkungen schaffen.

Aber was genau ist die Sünde nun? Zunächst lässt sich sagen, dass Sünde nicht nur eine Angelegenheit zwischen Menschen und Gott ist, sondern auch zwischen den Menschen untereinander. Es lassen sich zwei Arten von Sünde unterscheiden. Einerseits gibt es die Tatsünde, bei der es sich um eine bewusste Verletzung von Gottes Gesetz handelt, die wir mit unserem eigenem Willen begehen. Dies ist ein subjektives Element. Andererseits gibt es die Erbsünde, bei der es sich nicht um ein Handeln, sondern um einen Zustand handelt, in den wir hineingeboren sind. Wir leben gemeinsam in einer Gesellschaft, in der wir uns gegenseitig beeinflussen und in ein Sündennetz verstrickt sind. Wir haben Teil an gewalttätigen Mächten, von denen wir uns kaum lösen können. So leben wir seit Geburt in Sünde. Die Sünde ist Teil von uns Menschen, sie gehört zu uns. Dies ist ein objektives Element. Wir müssen nun lernen, unsere Sünden einzugestehen, und uns nicht vor der Verantwortung drücken.

Die Sünde allein macht und aber nicht direkt zu durch und durch schlechten Menschen. Wir müssen jedoch lernen mit der eigenen Schuld und der anderer Menschen umzugehen. Unsere eigene Schuld könnten wir versuchen zu vergessen, also zu verdrängen. Wir können gegen sie ankämpfen, aus ihr lernen, sie bereuen und zu versuchen sie wiedergutzumachen. Doch was tun wir mit der Schuld der Anderen? Wir können Rache nehmen, sie von uns abgrenzen, die Situation akzeptieren, mitfühlen, helfen oder auch vergeben.

Mit dem Vergeben hat sich P. van Breemen beschäftigt. In seinem Text „Kultur der Vergebung“ geht er darauf ein, was mit uns geschehen würde, wenn wir anderen Menschen nicht verzeihen. Ohne Verzeihen und Vergebung bleiben wir in einem Teufelskreis gefangen. Wir bleiben allein und verlieren den Kontakt zu den Menschen, die uns einst wichtig waren. Doch mit dieser Isolation und den Groll gegen die anderen schaffen wir das Problem nicht aus der Welt, sondern fügen uns selbst Schaden zu. Laut P. van Breemen tun wir uns durch das Verzeihen Gutes. Wir behalten wichtige Beziehungen bei; wir sind nicht alleine. Wir schaffen eine Möglichkeit, eine Zukunft für alle, und schaffen uns selbst Freiheit, Erlösung. Es wird der Hass und die Trauer durch Liebe ersetzt. Dies sollte uns Frieden schaffen.

So begleichen wir unsere Schuld miteinander und untereinander. Doch wie rechtfertigen wir uns gegenüber Gott? Was meint überhaupt Rechtfertigung? Im Laufe der Geschichte gab es viele verschiedene Definitionen. Im Mittelalter verstand man unter Rechtfertigung die Wiederherstellung von Recht z.B. durch Strafe. Der Mensch kann nach diesem Verständnis durch aktives Handeln selbst an seinem Heil mitwirken (Werkgerechtigkeit). Paulus verweist im Römerbrief (Röm 3,23f.) aber darauf, dass Gott sich uns zuwendet, egal was auch geschehen ist und das daher unser Glaube nicht unser Handeln zählt. Jesus ist nach christlichem Verständnis für uns gestorben und wir müssen dies nur mit unserem Glauben annehmen; dieses Geschenkt akzeptieren. Wir bleiben weiterhin Sünder, sind nicht gerecht geworden, aber gerecht gesprochen. Ein Mann Namens Luther erkennt dies und spricht sich so gegen die mittelalterliche Sicht aus.

Wir Menschen hoffen, dass Sie, die Empfänger, uns nun besser verstehen, uns kennengelernt haben oder wenigstens eine gewisse Vorstellung von uns haben.

Wir Menschen sind Tiere und auch nicht; wir sind gut und böse; wir sind gläubig und wir sind gerecht gesprochene Sünder. Alle diese Sachen zeigen nur einen Funken von uns selbst und zeigen auch nur die Allgemeinheit und nicht den Einzelnen, der sich von jedem anderen individuell unterscheidet.

Wir leben mit der Hoffnung, dass diese Nachricht jemanden außerhalb unserer Erde erreicht und jemand sich mit uns in Kontakt setzt.

Wir freuen uns auf eine Antwort.

Die Menschen

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